Auf unseren Tisch nur das Beste! Oder doch das Billigste? – Über den Wert und den Preis von Nahrungsmitteln.

Was uns schmeckt, wollte ich während meiner Sommertour 2016 herausfinden. Milch, Obst, Fleisch: Statt über die Qualität der Waren zu sprechen, drehte sich die Diskussion ziemlich schnell um den Preis. Sind wir Deutschen tatsächlich solche Geizhälse, wenn’s ums Essen geht?

Eine Kuh macht muh, viele Kühe machen eine Mühe, die sich für die Landwirte nicht mehr bezahlt macht.

Eine Kuh macht muh, viele Kühe machen eine Mühe, die sich für die Landwirte nicht mehr bezahlt macht.

23,5 Cent erhält Landwirt Johannes Paaßen aus Alpen-Veen derzeit inklusive Mehrwertsteuer für jeden Liter Milch, den seine Molkerei bei ihm abholt. Zum Leben zu wenig, zum Sterben gerade genug: Wer keine Rücklagen hat oder von der Bank mit frischem Geld ausgestattet wird, muss den Hof dicht machen. Wie in Schockstarre, so berichtet mancher seiner Kollegen, säßen die Landwirte da und hofften, dass es nicht sie sondern den Nachbarn zuerst treffe. Weniger Konkurrenz gleich weniger Milch gleich hoffentlich wieder steigende Preise. Mit dem Wegfall einer Milchquote und dem gleichzeitigen Wegbrechen von Märkten in Russland und China ist das Überangebot an Milch so groß geworden, dass derzeit niemand mehr in der konventionellen Landwirtschaft davon leben kann. (Eine gute Übersicht der aktuellen Lage bei Krautreporter)

Die Politik versucht mit Notkrediten und anderen finanziellen Hilfen den Kollaps mancher Betriebe zu verhindern. Das finden nicht alle Landwirte gut. Wer mit Milchvieh nichts zu tun hat, raunt, dass jeder selbst gucken müsse, wie er klar komme. „Wenn jeder auf 20 Prozent seiner Produktion verzichten würde, dann würden sich die Preise wieder einpendeln“, meint Paaßen, der als Ortsbauernführer an der Spitze der rund 80 landwirtschaftlichen Betriebe in Alpen-Veen steht. Dass das so kommt, ist nicht zuletzt deshalb unwahrscheinlich, weil die Molkereien darauf bestehen, die gesamte Produktion abzufahren. Das gibt den Bauern in normalen Zeiten Sicherheit. Jetzt ist es ein Zwang, der die Spirale weiter nach unten dreht.

Wirtschaftlicher Druck und gesetzliche Auflagen

Egal, welchen konventionell wirtschaftenden Betrieb ich besuche: Der wirtschaftliche Druck auf die Landwirte ist enorm. So merkt auch Willi Cleven in den vergangenen Jahren die wachsende Konkurrenz aus dem europäischen Ausland. Vor allem das Putenfleisch, das derzeit aus Polen auf den deutschen Markt geschwemmt wird, belastet den Sonsbecker Mastbetrieb, den Cleven gemeinsam mit seiner Frau Beate in zweiter Generation führt. Vor 38 Jahren begann sein Vater in einem nicht mehr genutzten Stall, männliche und weibliche Küken aufzuziehen, um nach rund 20 Wochen ausgewachsene Tiere weiterzuverkaufen. Ein Geschäft, bei dem schon zu Beginn des Jahres feststeht, wann welche Tiere kommen und gehen. Ein System mit einer Handvoll Schlachthöfen und Brutbetrieben sowie einer festen Zahl von Mästern, die sich über die Jahre einen Namen gemacht haben. Das gab Sicherheit auf allen Seiten. Doch nun drückt die polnische Überproduktion, den Preis auch hierzulande.

Wirtschaftliche Hilfen oder Subventionen, um den Landwirten zu helfen, lehnt Willi Cleven kategorisch ab. „Das können und müssen wir aus eigener Kraft schaffen“, sagt der Sonsbecker selbstbewusst. „Die Auflagen und Standards, die hier gelten, müssen dafür aber in der gesamten Europäischen Union gelten. Dann ist das, was wir tun, vergleichbar und wir in Deutschland absolut konkurrenzfähig“, ist sich der Landwirt sicher. Deutsche Regeln, so ist nicht nur seine Beobachtung, gingen oftmals weit über europäische Standards hinaus. Das kostet, mache die hierzulande produzierten Lebensmittel teurer und die Betriebe somit unrentabel. Wenn der letzte deutsche Betrieb geschlossen habe, so die Sorge der Landwirte, kämen die Lebensmittel eben aus den benachbarten EU-Staaten – wo man ursprüngliche Umwelt- und Lebensmittel-Standards noch weit unterbiete. „Das kann doch niemand wollen, oder?“, fragen sich Cleven und seine Frau.

Milch direkt vermarktet

Alternative Vertriebswege, um sich wirtschaftlich unabhängiger zu machen, sucht deshalb auch Familie Brings aus Rheinberg-Wallach, die von ihrem Milchvieh leben muss. Ihr Rohmilch-Automat, an dem rund um die Uhr und sieben Tage die Woche frische Milch „naturbelassen direkt aus dem Euter“ abgefüllt werden kann, ist jedoch nicht viel mehr als ein „Taschengeld“, wie Mutter Annette Brings freimütig zugibt. Wenn auch ein gutes. Doch leben muss die vierköpfige Familie von dem, was der Hof abwirft. „Ich gehe in den Stall, meine Frau verdient das Geld“, hatte es Paaßen formuliert. Vom „Eintrittzahlen dafür, dass man den ganzen auf dem Hof arbeitet“, sprechen Kollegen, denen der Beruf noch immer Spaß macht, die jedoch verbittert sind über die nicht auskömmliche Vergütung ihrer Arbeit.

„Man müsste ein Gesetz machen, das den Verkauf von Lebensmitteln unter ihrem Produktionspreis verbietet“, schlägt Landwirt Heiner Brings im Gespräch vor. Die realen Kosten für Milch ließen sich sehr gut ermitteln – größere Höfe erzielten keine Skaleneffekte, die die dort produzierte Milch günstiger machten. Alle profitierten von dieser Preisgrenze, es ginge wieder gerecht zu. Die Discounter argumentieren dagegen, dass sie den günstigeren Preis ihren Kunden weitergeben müssten. Doch die, so vermute ich, würden bei der etwas teureren, dafür fairen Milch viel lieber zugreifen. So lange die günstigere nicht gleich nebenan im Regal steht. „Denn der direkte Preisvergleich entscheidet“, weiß Annette Brings aus Erfahrung.

Erklären, warum’s teurer ist

Sehr viel einfacher hat es da Bio-Landwirt Klaus Bird aus Kamp-Lintfort. Mittlerweile hat er sich einen Namen gemacht mit den Bio-Produkten, die er und seine Familie auf dem historischen Haus Frohnenbruch anbietet. „Die ersten Jahre waren verdammt schwer. Jetzt läuft es aber“, erzählt Bird bei meinem Besuch. 30 oder 40 Euro für ein Kilogramm Rindfleisch seien die Konsumenten noch bereit zu zahlen. Warum Schwein und vor allem Geflügel mehr kosten soll als die 1,99 Euro, die so mancher Discounter im Supersonderangebot veranschlage, müsse man jedoch erst erklären.

Die Kunden vom Biolandhof Frohnenbruch haben begriffen, warum sie beispielsweise fürs Hühnerei mehr bezahlen müssen. Denn statt die männlichen Küken wie anderswo nach der Geburt zu töten, weil sie keine Eier legen und kaum Fleisch ausbilden, dürfen hier auch die Jungs groß werden. Was die Aufzucht kostet, wird aufs Hühnerei umgelegt. Obwohl der Preis damit kräftig steigt, hat Bird seine Kundschaft sogar noch erweitert.

Aber ist das nicht alles eine Frage des Geldes? Oder kann sich das jeder leisten? Bird findet ja. Dafür müsse man zunächst aber den eigenen Konsum hinterfragen. Wer sich nicht jeden Tag das Bio-Hähnchen oder das Weiderind leisten kann, solle eben nur alle paar Tage zugreifen. Zuviel Fleisch sei auch ungesund, bemerkt der Landwirt selbstkritisch.Und wer saisonales Obst und Gemüse kaufe, spare nicht nur bares Geld sondern ernähre sich umso vernünftiger.

Dass immer mehr Menschen genau diesen Zusammenhang einsehen, davon profitieren die Obstplantagen Bloemersheim in Neukirchen-Vluyn. Seit Jahrzehnten baut Freiherr Friedrich von der Leyen hier Äpfel und Pflaumen, Blaubeeren und anderes Obst an. Tochter Henriette von der Leyen hat die Vermarktung übernommen und berichtet davon, dass immer mehr Supermärkte regionale Produkte in ihrem Sortiment wollten. Nicht auf Bio komme es den Kunden dabei an, sondern auf die Nähe zum Erzeuger. Statt tausende Kilometer in Containern unterwegs zu sein, lande das Obst und Gemüse ohne Umwege quasi von nebenan frisch auf den Tisch.

Obstplantage: gleiche Fläche, mehr Ertrag

Über die Zukunft macht man sich auch im Schloss Bloemersheim Gedanken. Forstbetrieb und Obstplantagen nehmen zwar schon 450 Hektar Fläche ein, doch sei man dabei, sich kompakt zu schrumpfen. Gepachtete Flächen werden abgegeben, dafür werden die bestehenden Felder intensiver genutzt. Technik statt Chemie: Nicht durch das Spritzen irgendwelcher Dünger oder Zusätze soll der Ertrag gesteigert werden. Techniken wie so genannte Erdbeertunnel versprechen eine bis zu 20-prozentige Ertragssteigerung.

Ja, auch bei ökologisch wirtschaftenden Landwirten und Lebensmittelproduzenten spielt Wachstum eine wichtige Rolle. Dabei hat auch Müller Rolf Peter Weichold vor rund 25 Jahren klein angefangen. Er hat an seine Idee, Bio-Körner auf den Steinen der Xantener Kriemhild-Mühle zu mahlen, geglaubt und seine Idee gegen alle (Behörden-)Widerstände unbeirrt über Jahre verfolgt. Jetzt kommen nicht nur vorbeifahrenden Touristen in seinen Laden, um Vollwert-Kost zu kaufen. Seine Stammkundschaft erstreckt sich über den gesamten Niederrhein. Die Nachfrage bedient er an Verkaufsständen und in einer Zweigstelle in Rheinberg. Sechs Bäcker und zwei Auszubildende verarbeiten das traditionell gemahlene Mehl in der angeschlossenen Bäckerei. Das Xantener Wahrzeichen, die Kriemhild-Mühle, ziert Brötchentüten und dient als das Marketinginstrument schlechthin. Wer so traditionell und regional verankert seinem Handwerk nachgeht, dem vertraut man als Kunden. Dass das Brot deshalb etwas teurer sein muss, leuchtet jedem ein.

Von dieser Erkenntnis sind die Milchtrinkerinnen und Milchtrinker in Deutschland noch meilenweit entfernt. Noch sind Leuchttürme wie der Milchautomat von Heiner Brings oder Lieferdienste wie die vom Milchhof Deselaers selten. Direktvermarktung scheint eine Antwort auf die Marktmacht der Discounter zu sein – doch wie viele Bauern, die ihre Waren direkt anbieten, hält der Markt noch aus? Bio-Molkereien und andere Zusammenschlüsse von Bio-Landwirten haben die Zahl ihrer Mitglieder längst begrenzt, um erfolgreich bleiben zu können.

Vielleicht führt der erfolgversprechendste Weg über den mündigen Bürger, der sein ambivalentes Verhalten selbst einsieht und sich ändert. Die Deutschen, so lästert man im europäischen Ausland, investierten in die teuersten Küchen. Das, was dann dort verarbeitet werde, sei das Billigste vom Billigen. Wie kann es sein, dass Grills im Wert von mehreren tausend Euro gekauft werden, um darauf Billigfleisch vom Discounter zu erhitzen? Oder wie es Bäckermeister Norbert Büsch einmal im Gespräch mit mir formulierte: „Beim Motoröl fürs Auto muss es das teuerste, das vollsynthetische Öl sein. Aber beim Speiseöl kaufen wir die billigste Sorte vom Discounter und schütten sie uns in den Körper.“

Wie viel ist uns unser Essen wirklich wert? Diese Frage möchte ich im Rahmen einer Diskussion am Montag, 29. August 2016 um 19 Uhr in der Galerie der Kulturhalle Neukirchen-Vluyn, Von-der-Leyen-Platz 1 stellen. Norbert Büsch wird ebenso seinen Standpunkt äußern wie Pfarrer Dr. Hartmut Becks und Bio-Landwirt Klaus Bird. Ich würde mich freuen, auch Sie an dem Abend begrüßen zu können!

Hier geht es zu der Veranstaltungsankündigung bei Facebook.

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