Statt Lebenslauf: Soundtrack meines Lebens

Ich habe keine Ahnung, welche Musik meine Eltern hörten, als ich in Duisburg zur Welt kam. An meinem Geburtstag, dem 18. Juli 1976, stand jedenfalls „Daddy Cool“ von Boney M. auf Nummer 1 der Deutschen Charts. Ansonsten waren die 80er Jahre, in denen ich in Kamp-Lintfort aufwuchs, von Neuer Deutscher Welle geprägt. Meine ersten Kassetten und Schallplatten erzählten die Geschichten von Fünf Freunden, TKKG und Drei Fragezeichen. Dann kam die Pubertät und mit ihr die Compact Disc. In der Erinnerung wenig schmeichelhaft ist, dass mein erster Silberling den Song „Straight up“ von Paula Abdul in gefühlt 20 verschiedenen Mixversionen auf die Lautsprecher brachte. Statt großer Papphüllen gab es nun kleine Plastikverpackungen, in denen die Lieder von Genesis, Phil Collins und Eric Clapton steckten. Diese fanden dann auch den Weg in den CD-Spieler meines ersten Autos, einem braunen Mazda 323. Damit fuhren wir rund um mein Abiturjahr 1996 zu so manchem Konzert – wobei die Auswahl hier oft weniger dem eigenen Musikgeschmack folgte als dem des Mädchens, in das wir uns verknallt hatten. Kostprobe gefällig?

Soundtrack im Kopf

Kamp-Lintfort war und blieb meine Heimat auch während des Zivildienstes im Haus der Familie und während meines Studiums in Dortmund. Journalistik und Politikwissenschaften brachten mir die Profs bei – zwischen Grund- und Hauptstudium durfte ich ein Jahr lang beim Kölner Stadt-Anzeiger volontieren. Unendliche Freiheit: Ich verdiente in dieser Zeit gutes Geld, machte meinen Traumjob unter realen Bedingungen und kam nebenbei sogar etwas herum in der Welt. In Erinnerung bleibt mir bis heute die Recherchereise nach Moskau im Mai 2000. Die Musik, die mir dabei wie ein Soundtrack durch den Kopf geht, ist „Desert Rose“ von Sting, den ich einige Jahre später live in Köln hören durfte – auch wenn ich seinen Auftritt als unrühmlich in Erinnerung habe, weil er viel zu spät begann, viel zu kurz dauerte und viel zu abrupt endete…

Wie so viele Studierende in der Zeit (ohne Studiengebühren und mit einer Diplomstudienordnung, die viel Raum für Freizeit und studentisches Engagement ließ) riss ich die Regelstudienzeit locker und machte doch wichtige Erfahrungen als freier Journalist und von 2002 bis 2008 als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Landtag. Dort durfte ich die damalige Vorsitzende des Medienausschusses und spätere kulturpolitische Sprecherin Claudia Nell-Paul unterstützen. Eine Erfahrung, von der ich noch heute profitiere.

Redenschreiber in Gelsenkirchen

Und dennoch wollte ich alsbald weiter ziehen und bewarb mich auf eine Stelle als Redenschreiber für den Gelsenkirchener Oberbürgermeister Frank Baranowski. Ich weiß noch, wie ich nach dem Vorstellungsgespräch und dem Schreiben einer Proberede im Auto nach Hause fuhr. „Beggin’“ von Madcon dröhnte aus den Boxen und überlagerte meine eigene Skepsis, ob meine Worte, die ich dem OB für die fiktive Einweihung eines Kindergarten in den Mund gelegt hatte, wohl den richtigen Ton getroffen hatten. Sie hatten und ich durfte danach drei wunderbare Jahre lang in der Abteilung von Repräsentation und Städtepartnerschaften gemeinsam mit unglaublich engagierten Menschen nicht nur Reden und Grußworte schreiben, sondern manche Großveranstaltung mit organisieren. Während der Zeit brachte ich mich mit meiner kleinen Büroanlage, die heute noch im Landtag auf der Fensterbank steht, regelmäßig mit den „Pumped up kicks“ in Stimmung oder neutralisierte meine Gedanken zwischen dem Schreiben zweier Reden mit einem Song von P!nk. Diese Powerfrau habe ich kurz vor der Geburt unseres ersten Kindes 2006 gemeinsam mit meiner Frau in Köln live gesehen und gehört. Für mich hat es bleibenden Eindruck hinterlassen, dass sie mit ihrem Gassenhauer und ultimativen Stimmungsaufheller „Get the party started“ nicht etwa den Abend begonnen hat. Nein, nachdem sie die gesamte Lanxess-Arena zum Kochen gebracht hatte, beendete sie ihr Konzert mit diesem Ohrwurm. Ein unglaubliches Understatement.

Auch wenn ich die Gelsenkirchener Zeit mit all den liebenswerten Menschen genoss, nervte doch die Pendelei zwischen meinem Immernoch-Heimatort Kamp-Lintfort und dem Ruhrgebiet. So packte ich 2011 die Gelegenheit beim Schopfe und bewarb mich auf eine Stelle bei den Stadtwerken, wo ich für Marketing und Öffentlichkeitsarbeit mit verantwortlich sein sollte. Meine Subwoofer- und Lautsprecheranlage zog mit um und ich erinnere mich bis heute gerne daran, wie ich im eigenen Büro (nicht immer hinter verschlossenen Türen) am Freitagmittag das Wochenende mit „Sky and Sand“ aus dem Album „Berlin Calling“ von Paul Kalkbrenner einläutete. Volles Pfund auf die Ohren. Herrrrlich, wie der ehemalige Geschäftsführer meiner Stadtwerke mit mindestens drei „r“ bei anderen Gelegenheiten regelmäßig zum Ausdruck brachte.

Noch mehr bewegen

Und dann gab es 2012 Neuwahlen in Nordrhein-Westfalen. Der Landtag löste sich auf, im linksrheinischen Teil des Kreises Wesel musste die SPD einen neuen Kandidaten finden und obwohl ich noch nicht einmal ein Jahr an neuer Stelle arbeitete, erkannte ich die Chance, die sich mir da eröffnete: Seit 1997 bin ich in meiner SPD aktiv. Weil ich etwas verändern will. Nicht meckern, sondern machen! Das kann man im Kleinen, als Teil einer Bürgerinitiative oder im Rat meiner eigenen Stadt. Die größeren Weichen werden aber anderswo gestellt – und da wollte ich 2012 hin. Am Ende eines kurzen und knackigen Wahlkampfes stand am 13. Mai 2012 das Ergebnis fest: Als Landtagsabgeordneter kehrte ich zurück nach Düsseldorf. Am Wahlabend begrüßten mich die vielen Helferinnen und Helfer, die zum Feiern ins ka-LIBER-Café nach Kamp-Lintfort gekommen waren, mit dem Lied „The Passenger“ von Iggy Pop. Die Geschwindigkeit des Songs, der immergleiche Akkord der Gitarre, die verlebte Stimme Iggys: Wenn ich das Lied jetzt beim Schreiben höre, treibt es mich wieder nach vorne. Noch mehr bewegen, das will ich auch in Zukunft. Und die Musik wird dabei ein Teil meines Lebens bleiben.


So geht’s schneller:

Bei Spotify habe ich die Lieder aus dem „Soundtrack meines Lebens“ mal zusammen gestellt. Wer es seriöser und kürzer mag, findet hier mein Profil bei Xing.

Übrigens hat mich Bürgerfunkerin Ursula Meyer zu Beginn des Jahres ausführlich interviewt zu meiner Kindheit und Jugend in Kamp-Lintfort sowie zu meiner aktuellen Arbeit im Landtag. Das Gespräch kann man bei SoundCloud hören. 

Viel Zeit genommen hat sich Bürgerfunkerin Ursula Meyer, um mich zu meiner Kindheit und Jugend in Kamp-Lintfort zu befragen.

One thought on “Statt Lebenslauf: Soundtrack meines Lebens

  1. Benjamin says:

    Wow. Ein toller Lebenslauf in dem ich mich auch wiederfinde. Danke für die intensive Teilhabe an deinem bisherigen Weg. Es war immer schön an deinen schöpferischen Pausen teilnehmen zu dürfen. Du hast mir wirklich eine Menge mitgegeben. Auch wenn wir eine Generation sind. Liebe Grüße. Ben

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