Tonnenschwere Arbeit: Mein Praktikum bei der Müllabfuhr

Freiheit und ein Stück Abenteuer. Der Tabak-Werbespruch aus den 90er Jahren geht mir durch den Kopf, als ich auf dem Trittbrett stehe. Der Wind weht mir durch die Haare. Die Sonne scheint ins Gesicht. Der Dieselmotor schnauft sich zur nächsten blauen Tonne. Willkommen bei der Müllabfuhr der Stadt Kamp-Lintfort.

Eine Schicht lang als Müllmann unterwegs in Kamp-Lintfort.

„Du hast Glück, bei Dauerregen und sechs Grad macht es keinen Spaß“, erzählt mir Dirk morgens um kurz vor sieben auf dem Weg zum „Sammelfahrzeug x2c“. Das Müllauto wird für die nächsten Stunden mein rollender Arbeitsort sein. Gemeinsam mit Ingo, seit acht Jahren bei der Stadt Kamp-Lintfort, werde ich in der Altsiedlung Altpapiertonnen leeren. Dirk wird uns fahren. 1/2-Besetzung heißt das intern – ein Fahrer, zwei Kipper. Die Standardformation in einer Schicht, die mehr als 760 Tonnen zu leeren hat. Sind es weniger Müllgefäße, muss ein einzelner Mann hinten reichen.

Was nach monotoner Arbeit klingt, erfordert höchste Konzentration. „Du musst auch nach der 100. Tonne noch dran denken, auf den Verkehr zu achten“, warnt mich Dirk. Schnell sei man nur auf die nächste Tonne fixiert, „und dann übersiehst du das E-Bike, das plötzlich auftaucht.“ Bevor es auf die Straße geht, proben wir den Ablauf: Tonne von hinten an den Hebearm schieben, ein Kontakt löst dann eine Reihe von Haken aus, die sich von unten unter den Rand der Tonne krallen und sie nach oben heben. Beim Kippen öffnet sich der Deckel und der gesammelte Abfall ergießt sich ins Innere des orangefarbenen Kolosses. Rumpump, rumpump, wird die Tonne danach durchgeschüttelt. Was jetzt noch klemmt, wird herausgeschüttelt. Klappt meist vollautomatisch, außer im Innern verkeilt sich eine große Pappe oder ähnlich sperriger Müll. Dann können wir mit separaten Knöpfen nachhelfen und die Tonne auf und ab bewegen.

„Nix geht mehr, wenn die 240-Liter-Tonne schwerer als 240 Kilogramm ist“, weiß Dirk. Kommt bei Altpapier selten vor. Beim Bioabfall schon öfter. Auch wenn’s schwer fällt: Jede Tonne wird geschoben und geleert. Eine Ausnahme machen die Männer immer dann, wenn sie Dinge finden, die nicht dorthin gehören. Restabfall, alte Badematten, Windeln: Sowas liegt gerne mal oben auf und würde – wenn es nach manchem Bürger geht – kostenlos mit entsorgt werden. Wir schauen deshalb vor jedem Leeren unter den Deckel.

Ein Sauger im Eimer

Montag ist Altpapier – der Staubsauger gehört da nicht hin.

Gleich zu Beginn unserer Tour finde ich auf diese Weise einen ganzen Staubsauger in der ansonsten nur halb gefüllten Altpapiertonne. „Die lassen wir komplett stehen“, sagt mein Flügelmann Ingo und zückt bereits seinen Stift. „Ihre Papiertonne konnte nicht geleert werden, weil die Tonne ist fehlbefüllt“, kreuzen wir auf einem gelben Aufkleber an und pappen ihn auf den Deckel der Tonne. „Es sind leider immer wieder dieselben Leute, die das probieren. Und beim nächsten Mal stecken sie ihren Müll tiefer in die Tonne und wir finden‘s nicht“, bedauert Ingo die Ignoranz einiger Zeitgenossen. Dabei haben es die Menschen im Kreis Wesel so leicht, ihren Abfall schnell und zumeist komplett kostenlos zu entsorgen. Die Stadt Kamp-Lintfort bietet dafür einen Wertstoffhof und die benachbarte Müllverbrennungsanlage Asdonkshof kennt praktisch nichts, was nicht entsorgt oder verwertet werden kann. 

„Und trotzdem werfen immernoch Menschen ihren Kram einfach in den Wald und an den Wegesrand statt mit der gleichen Mühe ihren Mist dort abzugeben, wo er hingehört“, denke ich, während der Müllwagen wieder anfährt. Stop-and-Go: Noch während der Fahrt springen wir ab und schnappen uns die nächste Tonne. Ingo schafft es, zwei davon gleichzeitig anzudocken und leer wieder zurück zu stellen. Bei dem Versuch, es ihm gleichzutun, verheddere ich mich jedes Mal und der ansonsten flüssige Ablauf gerät ins Stocken. „Um das zu schaffen, brauchst du ein paar Wochen Übung“, lacht Ingo und springt wieder auf sein Trittbrett.

Muckibude lohnt sich nicht

Das Auf und Ab macht richtig Spaß, doch ich merke auch, wie das die Knie und die Füße belastet.  Ich stelle mir vor, wie das ist, nicht nur eine Schicht lang, sondern über Jahre täglich hunderte Müllgefässe durch die Gegend zu schieben, zu schubsen und zu hieven. Dirk und Ingo sind drahtige Typen. Unter den kurzen Ärmeln ihres orangenen Polohemdes schauen muskulöse Arme hervor. Knatschbraun sind sie schon jetzt, im Frühsommer. „Muckibude könnt ihr euch sparen, oder?“ frage ich vorne im Fonds sitzend, während wir in den Außenbereich fahren. „Och, ein bisschen gehe ich schon noch. Für den Bauch“, grinst Dirk und seine Arme wirken wie gemacht für das riesige Lenkrad.

Einen LKW-Führerschein haben sie hier alle. Dazu machen sie auf Wunsch der Betriebsleitung ihren „Berufskraftfahrer“. Jedes Jahr müssen sie dafür auf Fortbildung. Die Stadt Kamp-Lintfort geht damit auf Nummer sicher, denn immer wieder ist im Gespräch, Müllwagenfahrern diese Qualifikation gesetzlich vorzuschreiben. Wenn in Deutschland dann plötzlich alle die Prüfungen nachholen wollen, könnte es zu Engpässen bei den Fahrlehrern kommen. In Kamp-Lintfort hat man deshalb schon vorgesorgt. 

Vom Hund verfolgt

Unsere Runde führt uns mittlerweile in einen ländlichen Teil Kamp-Lintforts. Statt Tonne an Tonne stehen die Behälter mit dem blauen Deckel nun in Abständen von mehreren hundert Metern. „Da hinten der Hund, der ist uns früher immer hinterher gerannt und hat einem Kollegen, der hinten stand, auch mal in die Wade gebissen. Deshalb stehen die Tonnen jetzt weiter weg vom Hof am Feldweg“, erzählt Dirk. Seit fast 20 Jahren ist er dabei. Nicht jedes Mal sitzt er auf dem Fahrersitz sondern die Kollegen wechseln sich reihum ab. Das entlastet von der schweren körperlichen Arbeit und bringt auch mal Abwechslung in den Tagesablauf. Was nicht heißt, dass Dirk nicht auch mit anpackt.

Im Gewerbegebiet Süd warten gleich 20 große Tonnen auf einmal auf uns. „Nicht erschrecken“, hatte mich Ingo schon gewarnt. Hier stehen wir entsprechend länger und arbeiten wie ein Uhrwerk: Ingo und ich ziehen die vollen 1.100-Liter-Tonnen heran und an den Müllwagen. Dirk zieht die leeren Gefäße wieder zurück an ihren Platz.

Brennend heißer Asphalt

Egal wie schwer: Die Tonne wird geleert solange der Greifarm nicht mehr als 240 Kilogramm heben muss.

Mittlerweile ist es Mittag und die Sonne brennt vom Himmel. Schatten spendende Bäume gibt es hier weit und breit nicht. Dafür kommt die Hitze von unten. „Der Asphalt“, hatte mir Dirk noch am Morgen erzählt, „wird mit jeder Stunde heißer und gibt diese Hitze voll ab.“ Dennoch arbeiten wir der Sicherheit wegen in langen Hosen. Der Schweiß läuft uns durchs Gesicht und den Rücken hinunter. Jede kleine Pause ist mir nun recht. Jeder Moment im Schatten zu arbeiten tut gut.

Um halb zwei ist schließlich Schluss: „Jetzt fahren wir nochmal den Wagen leeren und dann geht es zurück.“ Drei Mal waren wir an diesem Tag schon bei einem Entsorgungsunternehmen, das im Auftrag der Stadt die Papiermengen sammelt und an einen Subunternehmer weitergibt. Anders als der andere Müll bringt Papier bares Geld und entlastet somit die allgemeine Müllgebühr. Ein gutes Geschäft für alle.

Zurück am Betriebshof gibt Dirk noch eben die Papiere ab und verabschiedet sich dann in den sonnigen Feierabend: „Freu dich auf den Muskelkater morgen“, sagt Dirk. Den habe ich mir nach diesem Tag tatsächlich redlich verdient!

 

Dies ist eine Reportage über meinen Einsatz mit der Müllabfuhr der Stadt Kamp-Lintfort. Der Text ist deshalb subjektiv, beschreibt ausschließlich meine Beobachtungen und verzichtet – getreu den Regeln des Genres– auf Bewertungen und Kommentare. Mindestens zwei Mal im Jahr versuche ich, in meinem Wahlkreis einen Tag lang zu malochen. Das habe ich unter anderem schon beim Deutschen Roten Kreuz,  auf dem Bau,  beim Spargelstechen, in der Großbäckerei Büsch, bei Amazon und McDonald’s getan sowie bei der Polizei und in einem Seniorenheim.

One thought on “Tonnenschwere Arbeit: Mein Praktikum bei der Müllabfuhr

  1. Karin Scherber says:

    Ich finde das super toll, das Sie das machen,somit lernen Sie die Probleme der Bürger kennen und können schon mal mitreden.
    Das sollten alle Politiker mal machen,damit die eine andere Sichtweise bekommmen.
    Dafür zolle ich Ihnen Hochachtung

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