DAB+ ist totgeritten – drum sattelt das Internetradio!

Das Henne-oder-Ei-Problem: Müssen erst die Angebote im DAB+ kommen, damit die Zuhörer sich neue digitale Endgeräte kaufen? Oder müssen erst die Konsumenten in die Digitalisierung ihrer Radios investieren, bevor es die Sender tun? Auch wenn ich nicht an die Zukunft von DAB+ glaube, bleiben zwei Herausforderungen, die wir jetzt dringend anpacken müssen. 

Henne mit EiernDie Digitalisierung im Medienbereich vollzieht sich immer schneller und umfassender. Beim Radio macht sie scheinbar eine Ausnahme. Seit Jahren sprechen wir über die Verbreitung per DAB, die einfach nicht richtig voran kommen will. Als Henne-Ei-Problem bezeichnete das jetzt Markus Adomeit beim „Medientreff Mitteldeutschland“: Wo keine Inhalte, da kein Interesse beim Zuhörer. Wo der Zuhörer kein Interesse am Kauf von DAB-Geräten zeigt, wird auch kein inhaltliches Angebot geschaffen werden. So geht das seit einigen Jahren. Auch wenn die Technik mit DAB+ mittlerweile sehr viel weiter fortgeschritten ist, nimmt die Entwicklung einfach keine Fahrt auf.

Für mich wenig überraschend haben vor einigen Wochen der nordrhein-westfälische Medien-Staatssekretär Marc-Jan Eumann und der Direktor der Landesanstalt für Medien, Jürgen Brautmeier, das Thema aufgenommen und infrage gestellt, ob das Beharren auf eine technische Umstellung (und damit einhergehend eine Abschaltung des analogen UKW-Signals am Tage x) nicht in eine Sackgasse führt. Der Beitrag geht darauf ein, dass mittlerweile 100 Millionen Euro in DAB investiert wurden – für eine Komplettumstellung bis 2025, so die Schätzungen, kämen nochmals mehr als eine Milliarde Euro dazu! Preisfrage: Gibt es angesichts des bereits investierten Geldes nun keinen Weg zurück mehr, oder gilt das Sprichwort, dass man schlechtem Geld kein gutes hinterher werfen soll?

Man soll gutes Geld keinem schlechten hinterher werfen.

Ich beantworte die Frage für mich so: Wieviel Sinn macht DAB+, wenn schon jetzt der sehr viel größere Teil der Nutzer von digitalem Radio dies über das Internet tut – ohne dass es dafür nationale Werbeoffensiven wie bei DAB bedurft hätte? Wie wahrscheinlich ist es denn, dass sich jemand ein weiteres Empfangsgerät kauft, um darüber ausschließlich digitales Radio zu hören, statt das eigene Smartphone, das Tablett oder den Laptop zu nutzen, um sich davon beschallen zu lassen und gleich auch den Rückkanal zu nutzen, um mit dem Sender in den Dialog zu treten?

Je breitbandiger der Internetzugang stationär wird und je besser die Netzabdeckung im Mobilen, umso weniger werden die Zuhörer auf den Gedanken kommen, dass es eines zusätzlichen digitalen Verbreitungsweges bedarf!

„Niemand soll sich zwischen Sender und Empfänger stellen können.“ – Jens Kerner

Insofern haben Eumann und Brautmeier in ihrer Analyse recht. Wir müssen von einem toten Pferd absteigen und lieber dafür sorgen, dass die Verbreitung von Radioinhalten im Internet gelingt. Denn ein Wunsch, der bei einer Wortmeldung von Jens Kerner (Radio SAW) zum Ausdruck kam, ist durchaus berechtigt: „Niemand soll sich zwischen Sender und Empfänger stellen können.“ Sofern man heute Sendefrequenzen (analog wie digital) zugesprochen bekommen hat, heißt es „Feuer frei!“. Im Internet dagegen zeichnen sich schon heute mindestens zwei Bedrohungen eines freien Radiojournalismus’ ab, die existenzbedrohend sind und damit verhindert werden müssen:

  1. Wie gut ein gestreamtes Radioprogramm beim Empfänger ankommt, hängt (wie oben bereits erwähnt) von der Internetverbindung ab. Auch wenn diese prinzipiell breitbandig genug ist, könnte der Internetprovider auf die Idee kommen, die Bandbreite künstlich zu verknappen, um beim Sender Zusatzeinnahmen zu generieren. Nach dem Motto: Wenn ihr wollt, dass euer Programm dauerhaft unterbrechungsfrei und in hoher Qualität beim Kunden ankommt, müsst ihr dafür zahlen! Das Mittel gegen diese digitale Wegelagerei heißt „Netzneutralität“. Und die ist weiterhin in Gefahr, wenn wir nicht in nationalen Regelungen das heilen, was uns eine EU-Richtlinie leider unzureichend vorgegeben hat. Wir brauchen bedingungslose Netzneutralität, was eben auch ein Verbot von Zero-Rating zur Folge hat. Also dem Verbot, gewisse Streaming-Angebote nicht auf das Download-Volumen des Kunden anzurechnen, wenn es Internet- und Dienstanbieter passt. Oder wenn beide daraus ein Geschäft gemacht haben.
  2. In immer mehr kommerziellen Bereichen bilden sich im Internet Plattformen heraus. Sascha Lobo hat das mal sehr schön als „Plattform-Kapitalismus“ beschrieben. Eine solche Plattform könnte sich auch für Internetradio-Angebote herauskristallisieren. Möglicherweise mit immensen Folgen für die Sender.

Noch ist mir keine solche Plattform bekannt. Doch statt sich darin zu verkämpfen, DAB+ auf Gedeih und Verderb durchzudrücken, sollten alle Akteure derzeit lieber für die Lösung der beiden oben genannten Herausforderungen sorgen. Denn selbst wenn DAB+ noch nennenswert an Reichweite gewinnen sollte, bleibt Radio über IP ein wesentlicher Faktor. Und damit gehören die Themen Netzneutralität und Etablierung einer Internetradio-Plattform die beiden dringendsten Aufgaben derer, die das Radio endlich ins digitale Zeitalter überführen möchten.

Bildquelle: rebecca.shiraev@sbcglobal.net via flickr (CC BY 2.0)

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