„Auch alles, was du nicht siehst, hat eine Bedeutung!“

„Woran wir glauben“, war das Motto meiner diesjährigen Sommertour. Sechs Kommunen in meinem Wahlkreis, sechs Orte, an denen ich Menschen getroffen habe, die sich mit dem Glauben beschäftigen. Das Fazit einer Sommerreise.

Seit meiner Wahl in den Landtag 2012 nutze ich die sechswöchigen Sommerferien, um mir mal richtig Zeit zu nehmen für Themen und Menschen. Nach Kultur, Mobilität und Ehrenamt nehme ich mir in diesem Jahr den Glauben vor. Woran glauben wir alle eigentlich? Brauchen wir den Glauben an irgendwen oder irgendetwas überhaupt? Und was macht Glaube mit den Menschen?

Zu Beginn meiner Tour stehe ich im sommerlichen Sonsbeck. Gerüste versperren den Zugang zum katholischen Gemeindehaus. Pfarrer Günter Hoebertz treffe ich stattdessen bei den evangelischen Kollegen, die für die Zeit der Sanierung Räume zur Verfügung stellen. Gelebte Ökumene auf dem platten Land. Aus der Wettbewerbssituation ausgebrochen sind sie hier schon längst. Früher versuchten die beiden christlichen Konfessionen stets, allen alles anzubieten. So gab es zum Beispiel zwei Kleiderkammern, betrieben jeweils von evangelischen und katholischen Ehrenamtlern. Erst als die einen nicht mehr konnten, gaben die anderen zu, nur aus Konkurrenz den eigenen Laden aufrechterhalten zu haben. Das sei Wahnsinn, findet Hoebertz. Stattdessen wird nun in vielen Bereichen zusammen gearbeitet. Ohnehin denkt Pfarrer Hoebertz, dass in einigen Jahren die Konfessionen zwar noch existieren, sie aber kaum mehr eine Rolle spielen werden. An ihre Stelle treten die großen Religionen: Christentum, Islam, die jüdische Religion.

Eine Einschätzung, die kaum ein Gesprächspartner in den kommenden Wochen so teilen wird. Im Gegenteil macht das hauptamtliche Personal den Rücken breit. Selbstbewusst und dabei doch bescheiden äußert sich etwa der Xantener Dompropst Klaus Wittke, der sich immer mehr im Spannungsfeld zwischen Inhalt und Verpackung des Glaubens sieht. Da war etwa die Hochzeit, bei der die Lieder von CD und die Texte nicht etwa aus der Bibel kommen sollten. „Kirche als reine Location“, könnte man meinen. Am schönsten Tag im Leben möchte Propst Wittke es gerne auch diesen Eheleuten recht machen – und gleichzeitig daran erinnern, dass das Ehegelübde auch etwas mit dem Glauben zu tun hat.

Besuch im Hospiz "Haus Sonnenschein"Religion mit Gewinn an den Kunden zu bringen, das muss auch die Neukirchener Verlagsgesellschaft. „Wie verkauft man denn den Glauben?“, frage ich bei meinem Besuch bewusst mit einem zwinkernden Auge. Die Frage ist nicht so leicht zu beantworten, denn in Neukirchen-Vluyn verlegt man einerseits Fachliteratur für Theologen. Die Titel gehen immer, wenn auch in kleinen Auflagen. Ein breites Publikum erreichen dagegen die „Neukirchener Kinderbibel“ und der „Neukirchener Kalender“, der jedes Jahr wieder mit 365 biblischen Zitaten und Denkanstößen auf den Markt kommt. Weil sich die Zeiten ändern und vieles digital wird, gibt’s den Abreißkalender mittlerweile auch als App fürs Smartphone. So hat man den Glauben praktisch in der Hosentasche und verpasst keine Tageslosung mehr dank Push-Alarm. Auch wenn es Bücher immer geben wird, so die einhellige Meinung am Vormittag meines Besuchs, so denkt Verlagsleiter Christoph Siepermann dennoch mit gemischten Gefühlen an die Zukunft. Das Fachbuch wird ins Digitale überführt, je kleinteiliger die inhaltlichen Häppchen aufbereitet werden, umso besser verkaufen sie sich, und am Ende sind vor allem jene Produkte erfolgreich, die man auch verschenken kann oder als nettes Mitbringsel an der Ladenkasse entdeckt.

Den Inhalt so zu verpacken, dass er der Zielgruppe gefällt, klingt immer wieder nach Marketing. Findet auch Pastor Marcus von der Evangelisch Freikirchlichen Gemeinde in Kamp-Lintfort. Der 33-Jährige ist mein jüngster Gesprächspartner und symbolisiert damit eigentlich genau das, was Kirche (und andere gesellschaftliche Gruppen wir Parteien und Gewerkschaften) so dringend suchen: den Nachwuchs. Mit seinem offenen Lächeln und der markanten Lücke zwischen den Schneidezähnen wirkt er wie ein Lausbub unter dem vielköpfigen Kirchenvorstand. Basisdemokratisch geht es in der evangelischen Kirche zu. Dazu gehört auch, dass der Pfarrer (aus-)gewählt wird, sich jeden Sonntag wieder inhaltlich beweisen und messen lassen muss. Dabei sind aktuelle Themen wichtig – wie sehr man dazu allerdings inhaltlich Stellung nimmt, dazu gehen die Meinungen bei denen, die predigen, auseinander.

Position beziehen, meint Bastek. Brennende Themen benennen, wie dies Papst Franziskus tut, meint Dompropst Wittke, der danach unter anderem Politik und Politiker in der Pflicht sieht, im Rahmen ihres jeweiligen Glaubens zu handeln. Zur Diskussion anregen, das will Dr. Hartmut Becks mit seinen Predigten in der Evangelischen Kirche Alpen. Man glaubt es kaum: Die reformierte Gemeinde war einst sehr viel größer als die katholische Gemeinschaft einige hundert Meter weiter. Von mittelalterlichen Herrschern vorangetrieben wurde die Reformation und ihr Glaube an Einfachheit und Klarheit. Keine Stufen, keine Bilder, kein Altar und keine bunten Glasfenster: Die evangelische Kirche in Alpen besticht durch Schlichtheit. Denn: „Auch alles, was Du nicht siehst, hat eine Bedeutung“, erklärt Pfarrer Becks vielsagend nicht nur seinen Konfirmanden, die als junge Menschen sehr viel später ihr Taufgelübde erneuern als bei der katholischen Kommunion. Noch einen Schritt weiter gehen die Baptisten von Pfarrer Marcus Bastek. Angehende Gemeindemitglieder werden überhaupt erst getauft, wenn sie dies aus freien Stücken und frühestens als Jugendliche so wollen.

Womit wir wieder beim Nachwuchs wären. Pfarrer Becks gibt sich hier keiner falschen Hoffnung hin, wie er meint: „Jugendliche und junge Erwachsene in bestimmten Lebensabschnitten erreichen wir einfach nicht. Da spielt Kirche keine Rolle.“ Ich frage mich, ob es mit Parteien nicht dasselbe ist, und muss lächeln, als der reformierte Geistliche fortfährt: „Die Senioren sind deshalb unsere Zukunft.“ Darum kümmert sich die Gemeinde intensiv um ihre älteren Mitglieder. Mit einem Amalien-Café und dem Amalienhof, einem betreuten Wohnen direkt in der Alpener City.

Am Ende meiner Sommertour besuche ich das stationäre Hospiz „Haus Sonnenschein“ in Rheinberg. Bei der Terminplanung dachte ich im Vorfeld, dass hier sicherlich am meisten über Gott und den Glauben gesprochen wird. Sozusagen im Hinblick auf das, was nach dem Tod kommt. Pfarrer Becks hatte „das Transzendentale“ noch als das zentrale Thema für und in jedem Glauben dargestellt. Doch Hospiz-Leiterin Beate Bergmann räumt schnell mit diesem Vorurteil auf und formuliert sinngemäß, dass „der Tod im Hospiz keine Rolle spielt“. Klar tut er das de facto, denke ich, aber tatsächlich gewinnt das Leben im Angesicht des eigenen Todes unendlich an Bedeutung. Jede Sekunde, jede Minute und Stunde gerät immer kostbarer – und die will man den Patienten im Haus Sonnenschein so schön wie irgend möglich machen. Glaube, und das überrascht mich, spielt da ein untergeordnete Rolle und ist vor allem kein Aufnahmekriterium in dem von der St.-Josef-Krankenhaus GmbH getragenen Haus.

Traurig werde an diesem Vormittag alleine ich von den Geschichten, die scheinbar so leichthin erzählt werden. Von der jungen Mutter etwa, deren drei Kinder in den letzten Wochen ihres Lebens im Hospiz Bobbycar fahren, Hausaufgaben machen, gemeinsam essen und trinken. Als die Mutter stirbt, kommt die Jüngste mit Nagellack von zu Hause wieder, um Mama auf dem Totenbett „schön zu machen für da, wo sie jetzt hingeht“. Wo das wohl ist? Davon, so ist mein Eindruck nach der Sommertour 2015, macht sich jeder Mensch ein ganz eigenes Bild.

150809-Flyer-Wanderung-Jakobsweg

P.S.: Pfarrer Günter Hoebertz meinte: „Das Leben ist eine Pilger-Reise. Interessant sind die Menschen, die wir auf dieser Reise treffen.“ Kann ich nach meiner Wanderung zum Finale der Sommertour 2015 nur bestätigen. Eine kleine Bildauswahl findet sich hier bei Facebook.

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